NordTour 2014 – Tag 7 – Gewitter und Zelt am See

Wir hatten heute unser erstes heftiges Gewitter. Es gab keine Unterstellmöglichkeit. So hatten wir die Wahl zwischen stehen bleiben und nass werden oder weiterfahren und nass werden. Wir entschieden uns für die Variante zwei. Zum Glück wurde es nach dem Regen wieder richtig warm.

Bilder vom heutigen Tage reiche ich bei Gelegenheit später nach, da die aktuelle Infrastruktur Luft nach oben lässt.

Heute ist eingetreten, worauf wir vorbereitet waren, was wir aber nicht unbedingt wollten.

Wir radelten nach Sveg in der Provinz Jämtland und versuchten vergeblich eine Unterkunft zu buchen. Am Samstag in der schwedischen Urlaubszeit hatten wir hier keine Chance. Also ab in den nächsten Supermarkt und Proviant gebunkert. Wir geben uns noch 20 km. Da werden wir schon was finden. Nööö, da war nichts.

„Susanne, rechts ist ein See. Da könnten wir uns wenigstens waschen.“ Ich bekam nur ein unglückliches: „Waschen wird überbewertet zurück“.

Trotzdem bogen wir ab und siehe da, es gibt ein Saunahäuschen mit Holzveranda. Ein idealer Platz für Plan B. Plan B ist unser Zelt.

image

Sicher, die Heringe bekomme ich nicht so gut in den Boden, aber die Holzplanken sind eben und trocken.Susanne hat sich dann doch noch im See gewaschen.

image

Ein Tag ist zu Ende, wenn ein Tag zu Ende ist. Ich will sagen, erst jetzt nach 20:00 Uhr wird uns das Aufregendste an diesem Tag passieren. Ich saß auf der Bank und schaute auf den See, da stand plötzlich Hassan auf der Holzveranda. Zu dem Zeitpunkt wusste ich natürlich noch nicht, wer er war. Hassan lud uns ein, bei ihm zu schlafen. Es entspann sich der übliche Dialog:

Hassan: „Ich habe ein Zimmer, da könnt ihr schlafen.“

Ich: „Nein, vielen Dank, es ist für uns kein Problem. Wir wollen im Zelt zu schlafen und es ist schön hier.“

Hassan: „Es regnet bestimmt gleich wieder. Ich habe ein sauberes Zimmer. Das Zimmer ist leer. Ihr könnt das Zimmer wirklich haben.“

So ging es noch eine Weile hin und her.

Irgendwann fragte ich dann Susanne im Zelt. Da sprach mein Zelt: „Dann lass uns doch in einem schönen, sauberen Zimmer schlafen.“ Ok, die Entscheidung war gefallen.

Ein bisschen traurig war ich ja schon. Wenn ein Mann ein Zelt aufgebaut hat, dann ist das ein Nest und so ein selbst gebautes Nest hat schon etwas. So baute ich also das Zelt etwas widerwillig und traurig wieder ab.

Jedenfalls trabten wir ein paar Minuten später Hassan hinterher. Es standen vier Häuser am See und unser Weg führte uns zur Nummer 4A. Ganz ehrlich, wir hatten Bammel. Wo gehen wir hin? Werden wir ausgeraubt? Ist das ein Trick mit dem Zimmer? All diese Gedanken waren 100% unbegründet.

Hassan kommt aus Pakistan. Im Haus wohnten 6 Flüchtlinge. Wir lernten eine syrische Familie (Mama mit Tochter und zwei Söhnen) und einen Palästinenser kennen. Wir waren in einem schwedischen Asylantendurchgangslager. Alle entschuldigten sich, dass sie kein schwedisch sprechen. Das war für uns ok, denn wir sprachen ja auch kein schwedisch.

Hassan zeigte uns das Zimmer. Das Zimmer war im Obergeschoss. In ihm standen zwei Doppelstockbetten. Und dieser ganze Raum sollte wirklich leer sein? Nein, Hassan hatte geschwindelt. Er zog eine Matratze heraus und legte sie im Treppenraum vor dem Zimmer auf den Boden. Jetzt hatten wir das Zimmer für uns allein. Wir wussten nicht, was wir sagen sollten. Alles war perfekt.

Können wir jetzt einfach ins Bett gehen? Nein, das wäre unhöflich. Wir durchsuchten unsere Satteltaschen. Ja, eine Tüte schwedischer Lakritz und Gummibärchen können wir mit in den Gemeinschaftsraum nehmen. Wir gingen unsicher die Treppe herunter. Der Fernseher lief und Hassan und ein Palästinenser schauten fern. Wir setzten uns zu ihnen und hörten ihre Geschichten. Wir verstanden nicht alles, aber vermutlich wären wir auch ohne Sprachbarriere nicht in der Lage, ihre Schicksale zu verstehen. Hassan kommt aus Pakistan und seine Familie ist im Zusammenhang mit dem Kaschmirkonflikt getötet worden. Der junge Palästinenser war aus Gaza-Stadt und ist 17 Jahre. Er wusste nicht, ob seine Angehörigen noch leben. Er zeigte uns auf seinem Handy Fotos die nach Luftangriffen auf Gaza-Stadt aufgenommen wurden. Stellt euch das Schlimmste vor! Denkt dabei an Männer, Frauen und kleine Kinder nach Bombenangriffen. Genau das war auf den Fotos zu sehen. Unglaublich. Wikipedia wird unter dem Suchbegriff „2014“ dazu schreiben:

  • Ab 8. Juli: Israel unternimmt eine Militäroffensive, ab Mitte Juli unter Einschluss einer Bodenoffensive, im Gazastreifen. Bei schweren Bombardierungen und Beschießungen werden bis zum 25. August 2014 mehr als 2100 Palästinenser getötet und mehr als zehntausend verletzt, die meisten davon Zivilisten.

Wir schauten uns also gerade Fotos von einigen dieser 2.100 getöteten Palästinensern an. An einem einsamen See im schwedischen Jämtland war plötzlich die brutale Weltpolitik ganz nah. Auf meinem internen Notizzettel steht: Uns geht es sehr, sehr, sehr gut. Da kam wieder ein dicker Haken hinter.

Die syrische Familie beteiligte sich nicht an der Unterhaltung. Sie hatte währenddessen Essen gekocht. Plötzlich reichte man uns Teller mit warmem Essen und Tee. Natürlich hatten wir gesagt, dass wir schon gegessen hatten, aber das zählte nicht. Es wäre unhöflich dieses Abendessen abzulehnen.

Die Herzlichkeit, die wir erfahren durften, hat uns tief beeindruckt und berührt. Irgendwann gingen wir in das Zimmer, welches nun unseres war. Wir schliefen schlecht.

Statistik:
Tageskilometer: 157
Gesamtkilometer: 925
Höhenmeter: 1.338
Gesamthöhenmeter: 6.712
Standort N 62° 02.386 E 014° 53.235
Spendenstand 126 Cent je Kilometer (neue Spender: Hans-Werner Breunig 4 Cent, Annerose und Lothar Domröse 1 Cent, Andreas Kohlmann 1 Cent)
Infos unter: www.jedes-jahr-ein-treffer.de

nächster Tag – weiter nach Norden

Ein Gedanke zu „NordTour 2014 – Tag 7 – Gewitter und Zelt am See“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s